Die Basler Eule

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Die Mission

Esra Halitoglu

Publiziert am 8. Oktober 2025

Krachend fiel mir ein Buch aus der Hand. Verwundernd blickte ich auf und stellte überrascht fest, dass ich mich inmitten einer Bibliothek voller Regale, welche sich bis hinauf zur meterhohen Decke türmten, befand. Links und rechts erstreckten sich lange Gänge, gesäumt von weiteren Regalen. Von der Decke blickte mich ein imposantes Deckengemälde an. Verschiedene Muster befanden sich an dessen Rand und aussergewöhnliche Formen schlängelten sich über das gesamte Bild hinweg.

Da erst fiel mir wieder das Buch ein, welches mir zuvor aus der Hand gefallen war. Ich griff danach und nahm es genauer in Augenschein. Es besass einen ledergebundenen Einband und eine quadratische Erhöhung, welche in die Vorderseite eingearbeitet worden war. Auf der Erhöhung blitzte das eingravierte blattförmige Zeichen im schummrigen Licht auf und bewies mir damit, dass ich mich auf der richtigen Spur befand.

Seit Jahren hatten meine Lehrmeister mich auf diesen Auftrag in der Fremde vorbereitet. Und nun war es endlich soweit. Ich befand mich kurz vor der Zielgeraden.

Jahrhundertealtes, gut gehütetes, geheimes Wissen befand sich nun in meinen Händen.

Plötzlich erklang hinter mir ein klirrendes Geräusch. Es hörte sich ganz danach an, als wäre eine antike Vase zu Boden gekracht. Panik erfasste mich. Doch eins war klar. Dieses Buch musste ich hier rausbringen, denn meine Mission hing davon ab.

Kurzerhand liess ich es in meine lederne Umhängetasche gleiten, in dessen Vorderseite eine rote Flamme gestickt war. Ich zog mir die Kapuze meines schweren Umhangs tiefer ins Gesicht und strich mir eine Strähne meines braunen Haars hinter mein Ohr, welches sich aus meinem Pferdeschwanz verirrt hatte, bevor ich mich für die entgegengesetzte Richtung entschied. Ich sprintete was das Zeug hielt und dennoch hörte ich die polternden Schritte, welche zur Verfolgung ansetzten, immer näher rücken.

Halb rennend, halb rutschend bewegte ich mich über die glatten Fliesen fort, welche sich über den gesamten Boden erstreckten und so blank poliert waren, dass sie mich teils blendeten. Links, rechts, wieder links. Die Gänge zogen sich in die Länge und es war noch lange kein Ende in Sicht.

Ich rannte und rannte, bis vor mir eine schneeweisse Wand erschien, die nicht in den Plänen verzeichnet worden war, welche ich über Jahre hinweg studiert hatte. Ich befand mich nun eingekesselt von Regalen, deren Holz nun Metallgestellen wich. Eine Sackgasse. Mein Herz setzte für einen kurzen Schlag aus, als ich abrupt stehen blieb und mich schwungvoll umdrehte, den Dolch aus einem Holster an meiner Hüfte zog, bereit mich zu verteidigen und mich dem Unausweichlichen zu stellen.

Das Poltern von schweren Stiefeln wurde immer lauter, doch ich erblickte keine Menschenseele. Die scheppernden Geräusche wurden immer lauter, benebelten meine Sicht und dennoch blieb der Gang vor mir leer.

Dunkle Schwaden zogen sich durch mein Sichtfeld, als auf einmal ein ganzer Schwarm Raben, so schwarz wie die Nacht, aus den Gängen direkt auf mich zu flogen. Sie blitzten mich aus unnatürlich roten Augen wutentbrannt an. Überrumpelt sah ich den Vögeln entgegen, denn dass war wohl das Gegenteil dessen, was ich erwartet hatte.

Doch als die Krähen zum Angriff ansetzten, löste ich meinen Umhang von meinen Schultern und warf ihn geschickt über den Schwarm Vögel, um mir etwas Zeit zu erkaufen. Daraufhin warf ich mich augenblicklich zu Boden, tastete nach meinem Dolch, welchen ich beim Fallen verloren hatte und erblickte ein kleines Loch im Boden, welches von Eisen umrahmt und mit Scharnieren befestigt war.

Krächzen drang an mein Ohr, Krallen schnitten mir in die Kopfhaut und Flügel schlugen auf mich ein. Verzweifelt machte ich mich so klein wie möglich, doch die Krähen waren gnadenlos.

Da rammte ich meinen Dolch mit voller Wucht in das Loch, das wie gemacht für die Schwertspitze zu sein schien. Ein lautes Knarren übertönte das Geschrei der Vögel und ohne auch nur zu wissen wie mir geschah, öffnete sich der Boden unter mir und entpuppte sich als eine Falltür, welche mich augenblicklich verschlang.

Schwärze umfing mich und ich spürte den Luftzug meines Falls, kurz bevor ich unsanft auf dem harten Boden aufschlug. Ich rieb mir ächzend die schmerzende Stelle am Rücken und verfluchte die Falltür, welche sich wenige Meter über mir wie von selbst schloss und somit die Raben von mir abschottete.

Durch einen kleinen Schlitz an der Decke sickerte ein kleines Quäntchen Licht hindurch, sodass ich mich in Ruhe umschauen konnte. Gelandet war ich in einem kleinen stickigen Gang, gerade mal gross genug, dass ich mich aufrichten konnte, aber so eng, dass meine Schultern an der Wand anschlugen. Der Weg war mit Staub und Spinnweben übersäht, was davon zeugte, dass dieser seit Jahren keine Verwendung mehr gefunden hatte.

Ich schulterte meine Umhängetasche, das Buch darin sicher verwahrt, und setzte meinen Weg ins Freie fort.

Teils verlief der Gang nach oben, dann wieder nach unten, manchmal wurde er breiter und dann wiederum sehr schmal.

Eine Verzweigung liess mich innehalten. Der rechte Gang roch muffig und vermodert, während durch den Linken ein Luftzug wehte. Da blieb die Entscheidung nicht schwer und ich setzte schon zum linken Gang an, als sich unter meinem Fuss der Steinboden löste und ein Metallgitter, genau an der Stelle zu Boden sauste, an der ich mich gerade befand. Sofort wich ich zur Seite aus, sodass mich das Gitter nur um wenige Millimeter verpasste. Ich erschauerte vor Grauen, setzte dann meinen Weg aber fort.

Nach längerem Wandern blendete mich ein Licht, welches von weiter weg in den Gang fiel. Endlich, die Freiheit naht. Doch als ich zur vermeintlichen Lichtquelle gelangte, erblicke ich nur ein weiteres Gitter. Dieses mündete in ein Zimmer.

Mit einem kräftigen Fusstritt befördere ich das verrostete Gitter aus seiner Halterung und klettere schnurstracks durch die Öffnung in die Abstellkammer, welche sich dahinter befand. Ohne einen weiteren Gedanken an den Inhalt dieses Zimmers zu verschwenden, machte ich mich auf den Weg zur Tür, lauschte und öffnete diese. Viel zu laut als mir lieb war, schwang die Türe knarrend auf. Langsam spähte ich ins Freie und blicke in einen Raum voller Wachen. Nun bereute ich, dass ich mir den Inhalt des Zimmers nicht genauer unter die Lupe genommen hatte, schnappe mir kurzerhand das Erstbeste, einen grünen Arbeitsoverall und einen Besen, spazierte daraufhin wie selbstverständlich durch den Gang hindurch ins Freie. Zwar beäugten mich die Wachen etwas argwöhnisch, aber da sich das blattförmige Wappen auf meinem Overall befand, beachteten sie mich nicht weiter.

Ich lief durch den prächtigen Ausgang der Mauer, welche das Gebäude umgab, hindurch und steuerte auf einen Fluss zu, der über eine steinerne Brücke überquert werden konnte. Nur noch wenige Schritte, nun rannte ich fast schon.

Gerade als ich die Brücke betrat, zog mich jemand ruckartig an meiner Tasche zurück, auf dessen Vorderseite die rote Flamme prangte. «DIEBIN» schrie dieser Jemand und rammte mich mit voller Wucht gegen die Schulter. Ich kam aus dem Gleichgewicht und versuchte verzweifelt mich wieder aufzufangen. Doch die Person fasste mich erneut und stiess mich gegen den Brückenrand. Aus dem Augenwinkel sah ich gerade noch, wie eine Fahne mit dem Wappen der Flamme unter der Brücke verschwand. Ich ächzte, als ich an der Brückenwand aufschlug und mir der Schmerz in den Arm schoss.

Mühsam richtete ich mich auf und fand mich Angesicht zu Angesicht der Person gegenüber. Ich erkannte sie als den Wachmann, der mich zuvor kritisch gemustert hatte. Er besass stechend grüne Augen und schwarze Haare fielen ihm in sein grimmiges Gesicht. Auf seiner Jacke prangte, auf Höhe seines Herzens, das blattförmige Wappen, welches sich auch auf dem Buch, das ich hatte mitgehen lassen, eingraviert worden war.

Gerade holte er zum nächsten Schlag aus, als ich mich zur Seite rollte und ihm einen gekonnten Kinnhacken verpasse. Überrumpelt taumelte er zurück. Ich zog meinen Dolch und hielt ihm diesen unters Kinn. Überraschung blitzte in seinen Augen auf, doch noch bevor ich mich in meinem Triumph suhlen konnte, traf mich der Schwertknauf seines Langschwertes. Ich krümmte mich vor Schmerz, griff dennoch nach seiner Hand, verdrehte ihm diese hinter seinen Rücken, löste ein Band, mit dem ich mein Haar zuvor zusammengebunden hatte und verband ihm seine Hände in Sekundenschnelle mit dieser.

Noch bevor er wusste, wie ihm geschah, stiess ich ihn zu Boden, verabschiedete mich mit einem Winken, nahm Anlauf und sprang über die Brücke ins Wasser unter mir.

Mich erfasste der Wind und ich fiel… und fiel bis ich mit einem grossen Platschen ins Wasser eintauchte. Kalte Nässe umfing mich und der Schock der letzten Stunden liess meine Gliedmassen gefrieren.

Starke Hände griffen nach mir und zogen mich ans Deck eines Bootes. Dunkelheit drohte meine Sicht zu benebeln und bevor ich ins Unterbewusstsein abdriftete, konnte ich nur noch an etwas denken: «Mission erfüllt».

Dann sackte ich in mich zusammen.

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